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ÜBERHOLT

Manchmal sind wir mit unserem PKW und dem Anhänger unterwegs. Das ist dann ein ganz anderes Fahrgefühl als sonst: die Laster bekommt man nicht überholt, man dackelt mit denen in einer Schlange vor sich hin.
Andererseits wird man von Transportern überholt oder von so kleinen, niedlichen fahrbaren Untersätzen, die man sonst selbst eben mal rechts liegen lässt.
Rollentausch! Aber das weiß man ja vorher, schon wenn man den Anhänger anhängt.
Anders war das mit dem letzten Gemeindebrief: Ich schrieb diesen ersten Teil eines jeden Gemeindebriefs Ende Februar, der Brief ging in Druck, kam in großen Paketen zu Tausenden wieder und wurde verteilt. Und er war schon ÜBERHOLT! Das meiste zumindest, auch mein Artikel ganz am Anfang. Vom Leben überholt, denn Corona hatte uns alle auf der Überholspur erwischt, war an uns vorbeigezischt, dass wir uns die Augen wischten und uns lange noch fragten: Was war DAS denn?
Wir wussten vorher nichts von dem Rollentausch. Sonst diktierten wir unser Leben, planten unsere Woche durch, auch die Wochenenden, koordinierten gekonnt alle Termine der ganzen Familie (wer fährt den Sohn zum Fußballturnier, wer die Tochter zum Softball? Wer mäht den Rasen und wer besorgt das Geburtstagsgeschenk für Oma und holt noch Kohlen für den Grillabend am Samstag mit den Freunden?
Und dann plötzlich dieses Gefühl: Ich bin im falschen Film! Ich bin auf der falschen Spur – ich werde ständig überholt von Verordnungen, vom RKI, von den Zahlen der John Hopkins – Universität, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte… das Leben überholt mich gerade und ich bleibe fassungslos zurück. Verunsichert, verängstigt – angesichts der Bilder und Zahlen aus Italien, Spanien, England… den USA, Brasilien – es nimmt ja kein Ende! Der Tod grassiert wie in Zeiten der Pest, hat man das Gefühl.
Doch reicht es uns langsam. Wir geben wieder Gas.  Wollen aus der Schlange der Überholten wieder heraus, die Schockstarre ist längst vorbei, viele haben sich im Stau aufgerieben an Homeschooling, am Social Distance – Dasein, an finanziellen Katastrophen, an allem, was mit der heruntergefahrenen Wirtschaft zusammenhängt. Wir wollen da raus, sind wir doch in Deutschland vergleichsweise glimpflich davongekommen. Wir geben Gas, manche Minister wollen gar den Mund-Nasenschutz aus den Geschäften wieder verbannen. Die Strände sind voll, wir lassen es einfach mal drauf ankommen, wird schon gutgehen, auch die Feier mit viel zu vielen Leuten, privat, beim Fußball, als Protest bei einer Demo – wir geben Gas – ob uns da einer entgegenkommt, ist doch egal. Hauptsache weiter und weg hier.
Das ist verständlich. Wer mag schon ständig überholt werden? Konfirmationen, Taufen, Trauungen, Geburtstagsfeiern – was ist nicht alles gestrichen oder verschoben worden? Lauter Highlights- wir strampeln uns in einer Zeit ab, die ohne große und motivierende Ereignisse auskommen muss. Selbst der Urlaub wurde von vielen gestrichen und nach Balkonien verlegt. Oder statt der großen Kanadatour ein Haus in Dänemark gebucht. Nur die Beerdigungen drängeln sich mit Gewissheit dazwischen. Und selbst die dürfen wir nur mit Abstand begehen. Mit Anhänger unterwegs. Schwer beladen, mit düsteren Aussichten für die nächsten Monate – wann kann eine Impfung oder ein Medikament tatsächlich wirksam für alle zur Verfügung stehen? Ständig droht ein Lockdown wie in Gütersloh, alle Planungen sind mit einem großen Fragezeichen versehen – es lebt sich mühsam auf der rechten Spur!
Das liegt vielleicht auch daran, dass wir das Gefühl haben, auf dieser Spur gelebt zu werden, eingeklemmt zwischen den Lastern und Wohnmobilen, mit der eigenen Last im Schlepp. Gelebt zu werden statt zu leben. Sich überholen zu lassen anstatt auszuscheren, freie Sicht zu suchen und dann: auf und davon zu neuen Zielen! Das Adrenalin wieder spüren, weil man vorwärtskommt und nicht, weil die Nerven so blank liegen, dass man in die Luft geht (und am gleichen Ort oder sogar noch weiter hinten wieder runterkommt…)!
Selber leben, aus dem Stau, aus dem zähflüssigen Verkehr das Beste machen. Es ist eine lange Strecke Stop and Go, zugegeben. Aber wer hat uns versprochen, dass das Leben ein lustiger Spaziergang ist? Oder eine fröhliche Fahrt ins Blaue, um im Bild zu bleiben? Das kann uns keiner versprechen, denn es ist nie so. In unserem Teil der Welt mag man auf den Gedanken kommen, man hätte ein Anrecht auf Glücklichsein, aber schon unsere Partner in Tansania sehen die Dinge da völlig anders. Und doch sind sie nicht weniger glücklich, im Gegenteil! Dort vertrauen viele auf Gottes Wort, auf Gottes Nähe. Und die ist auch uns versprochen, bei jeder Taufe hören wir dies Wort: Und siehe, ich bin bei euch – bis an das Ende dieser Welt.
Bildlich gesprochen ist uns also nicht die Überholspur versprochen, sondern der Treibstoff, der unser Leben am Laufen hält, ganz egal in welcher Geschwindigkeit! Die Nähe Gottes versorgt uns mit allem, was wir brauchen: einem lebendigen Herzen, groß genug auch für andere. Lasst uns dafür dankbar sein, dann halten wir durch, egal wohin die Straße uns führt.


Ihre Pastorin Susanne Lau